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Hallo! Ich bin die MS. Mit vollem Namen heisse ich Multiple Sklerose. Aber
die Abkürzung finde ich cooler. Ist so ähnlich wie mit dem JR aus «Dallas»;
ich bin ebenso fies. Im Gegensatz zu dem Ölmulti habe ich sogar noch einen
lateinischen Titel: Enzephalomyelitis disseminata. Trotzdem: MS passt schon.
Allgemein wirft man mich in einen Topf mit den chronischen Krankheiten. Speziell
stolz bin ich darauf, dass gegen mich noch kein Kraut gewachsen ist. Weil nämlich
niemand weiss, woher ich wirklich komme und warum ich mir gerade den Menschen
aussuche, der mich dann ein Leben lang am Hals hat. Natürlich arbeiten die
Wissenschaftler mit Hochdruck, um mir auf die Schliche zu kommen. Gegenwärtig
reparieren sie allerdings nur mehr als notdürftig die Schäden, die ich
hinterlasse.
Ich bin ein wahres Genie, weil ausgesprochen wandelfähig und kreativ. Nicht
umsonst nennt man mich auch «Die Krankheit mit den tausend Gesichtern». Denn,
ich plage den einen heftiger, den andern fast gar nicht, entzünde Sehnerven,
lasse stolpern und wanken, führe zu Missgriffen, verwirre die Empfindungen,
tanze mit manchen den «Zitterfox», mache schlapp oder auch steif, lasse
bleierne Müdigkeit den Tag vermiesen, die Blase ein Eigenleben führen, vergälle
das Liebesleben und zische da und dort mit einem mörderischen Schmerz durch die
Glieder und Eingeweide. Je nach Lust und Laune mische ich einen Symptom-Cocktail
zusammen oder belasse es auch nur bei einer Widrigkeit. Ich bin da sehr
flexibel. Auch, was mein Bemerkbarmachen angeht. Ich komme oft schubweise daher,
wobei mir der Überraschungseffekt ausgesprochen wichtig ist. Sehr gerne
hinterlasse ich dann einen neuen Schaden oder auch zwei oder verstärke
bestehende. Wenn ich ganz hinterhältig aufgelegt bin, stichel ich nur ein
bisschen, grad so viel, dass es meinem Wirt nicht auffällt, aber genügend,
damit er sich schleichend schlechter und schlechter fühlt. Und dann gibt’s
auch noch wenige Menschen, die mich derart langweilen, dass ich sie nur einmal
heimsuche und danach nur mal so nebenbei vorbeischaue.
Ach, ihr wollt wissen, wie ich mein zerstörerisches Werk verrichte? Die
Wissenschaft glaubt, dass eine Virusinfektion im Kindes- oder Jugendlichenalter
eine Rolle für mein späteres Auftauchen spielen kann. Lassen wir sie in dem
Glauben. Soviel sei verraten: Ich niste mich im Zentralnervensystem ein, befalle
an verschiedenen Stellen (daher multipel) in Gehirn, an den Sehnerven und im Rückenmark
die Schutzhüllen der Nervenfasern (das sogenannte Myelin). Das führt dort zu
Entzündungsherden und zu Vernarbungen (Sklerosen). Weil die Nervenfasern jetzt
teilweise blank liegen oder hässliche Narben haben, leiten sie schlecht. Das
wiederum löst diese unterschiedlichen Funktionsstörungen aus. Die Schutzhüllen
können sich, wenn überhaupt, nur teilweise regenerieren, darum bleiben oft die
Störungen erhalten. Und mit jedem Schub sorge ich dafür, dass der Schaden
etwas grösser wird. Oder ich seh’ zu, dass die Entzündung schon gar nicht
mehr nachlässt. Etwa zwanzig Prozent der Menschen, die ich heimsuche, zwinge
ich früher oder später in den Rollstuhl. Man wird mit mir genau so alt wie
ohne mich. Ansteckend? Gott bewahre! Dazu bin ich viel zu exklusiv. Darum lasse
ich mich auch nur sehr, sehr ungern vererben.
Grundsätzlich mag ich lieber Jüngere und mir liegen Frauen mehr als Männer,
darum befalle ich Frauen doppelt so oft. In jüngster Zeit finde ich auch immer
häufiger Gefallen an Jugendlichen und sogar Kindern. Meine bevorzugte Heimat
sind die gemässigten Klimazonen; ich mags eher kühl. Speziell wohl fühle ich
mich in Skandinavien, wohingegen mir die Hitze des Südens absolut nicht behagt.
Auch Japan ist mir nicht sympathisch.
Ach, es gibt so viel von mir zu erzählen! Dauernd entdecke ich selbst neue
Seiten an mir. Was Wunder, kriegt man mich nicht zu fassen. Die Ärzte rücken
mir neuerdings mit Interferonen zu Leibe. Schmeckt scheusslich! Drum lass ich
mich bei den Menschen, die solches Zeugs spritzen, weniger oft blicken. Oder
lass mal das Piesacken ganz sein. Aber wirklich sicher vor mir machen die
Chemiekeulen auch nicht – kommt ganz auf meine Tagesform an.
Copyright by Lilly Sulzbacher, Juli 2005
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